Nele Neuhaus' Erstling "Unter Haien" - ein Wallstreet-Krimi


Dieser Krimi ist - das muss ich zugeben - zu lang, um wirklich zu den Topthrillern gehören zu können. Damit meine ich nicht nur die rund 600 Seiten, die durchaus dem Genre entsprechen, sondern vor allem inhaltliche Längen. Wer sich aber über allzu detaillierte Beschreibungen der Upper Class in New York nicht ärgert und einige Redundanzen in Kauf nimmt, wird mit einem wirklich gelungenen Showdown belohnt.

Die Wall Street und Gold, das nur von Ferne glänzt

Alex ist eine junge, schöne und erfolgreiche Börsenmaklerin. Mit ihrem neuen Job bei einer der führenden Banken New Yorks möchte sie nicht nur reich werden, sondern auch gesellschaftlich aufsteigen. Um dies zu erreichen, beginnt sie eine Affäre mit einem der bekanntesten Männer der Stadt, Sergio Vitali. Er ist galant, atemberaubend gutaussehend und legt Alex die Stadt zu Füßen. Er beeindruckt sie durch spontane Reisen oder mietet ihr die gesamte oberste Etage eines Luxushotels. Dass sie von Anfang an vor diesem Mann gewarnt wird, beachtet die junge Karrierefrau nicht weiter. Doch als ihr Galan sie immer öfter versetzt, zahlt Alex es ihm mit gleicher Münze heim und betrügt sie mit einem Journalisten, den sie über einen ihrer Mitarbeiter kennengelernt hat. Die Zweitaffäre zerbricht, als Oliver erfährt, dass Alex mit Vitali zusammen ist und sie als Gangsterbraut beschimpft. Sie trennen sich und Alex kehrt zu Sergio zurück, doch der Samen des Zweifels ist gesät.


Als Alex dann auch noch über gemeinsame Freunde den Bürgermeister der Stadt und erklärten Gegner Vitalis Nick Kostidis kennenlernt, nehmen die Warnungen zu. Es fällt ihr immer schwerer, die Tatsache zu ignorieren, dass sowohl Oliver als auch Kostidis recht haben. Alex muss sich eingestehen, dass ihr Hochmut droht, sie zu Fall zu bringen. Zu hoch wollte sie fliegen und wie Ikarus scheint sie nun abzustürzen. Der Geburtstag ihres Liebhabers wird für Alex zu einem schicksalhaften Moment. Als sie durch das Anwesen irrt, hört sie zufällig einen Satz, der nicht für ihre Ohren bestimmt war. Sie wird zur Zeugin dafür, dass Sergio den Befehl gegeben hat, einen Mann zu töten, der ihm hätte lästig werden können. Von diesem Zeitpunkt an kann Alex die Augen nicht mehr vor den Tatsachen verschließen. Sie beginnt gegen Vitali zu ermitteln und stößt auf zahlreiche Verbrechen, die neben Mord auch Bestechung und Betrug in Millionenhöhe umfassen. Gleichzeitig kann sie sich nicht aus den Fängen des Mannes lösen, der eine unerklärliche Passion für sie hegt und sie darum nur besitzen oder töten kann. Auf schmerzhafte Weise wird der jungen deutschen Maklerin klar, dass sie von einer Scheinwelt geblendet wurde, die nicht nur verlogen, sondern auch höchst gefährlich ist. Der einzig mögliche Retter aus dieser Notsituation scheint Nick Kostidis zu sein.

Wenn dieser Krimi nur aus Showdown bestünde...

...wäre er wirklich atemberaubend spannend. Leider verliert sich die Autorin in der ersten Hälfte in langatmigen Beschreibungen von Alex' Arbeit, den Partys, zu denen sie mit Sergio geht oder darüber, wie gut die Protagonistin aussieht, wenn sie mit ihrem Pferd an der See entlang reitet. Urteile ihrer Figuren über deren fiktive Mitbürger tauchen oft mehr als einmal auf. Der Wortlaut bleibt dabei fast 100%-ig gleich. Eine Kinderkrankheit, die den Erstling als solchen verrät und das Lesevergnügen bremst. Man kann gar nicht anders als die Augen beim Lesen verdrehen und fühlt sich ein bisschen zu wenig ernst genommen. Diese Wiederholungen hören zwar mit Einsetzen des Showdowns auch nicht  auf, aber die zunehmend spannende Handlung entschädigt dafür. Nun setzt wirklich ein Thriller ein, die Protagonisten kämpfen um Leben und Tod und leider können nicht alle diesen Kampf überstehen. Auch wenn die überraschenden Wendungen oft nicht ganz so überraschend sind, wie sie sein könnten, ist die zweite Hälfte dieses Romans wirklich gelungen. 

Erstling mit erstaunlicher Geschichte

"Unter Haien" erzählt nicht nur inhaltlich die Geschichte einer Karriere, sondern ist auch das Produkt eines Schriftstellerweges, den Viele für sich erträumen. Nele Neuhaus hat diesen Roman bereits vor einigen Jahren geschrieben und erfolglos an Verlage geschickt. Nachdem ihr Buch vier Jahre in der Schublade gelegen hat, beschloss sie, einen neuen Versuch zu wagen. Sie überarbeitete ihr Werk intensiv und veröffentlichte es als Book on Demand. Dieser Mittelweg zwischen Selfpublishing und Zusammenarbeit mit einem Verlag war der Schlüssel zum Erfolg. Sie schaffte es, selbst die gesamte Erstauflage zu vermarkten und wiederholte diese Strategie mit ihren ersten Taunus-Krimis. So wurde sie erst zum Geheimtipp und fand dann mit dem Ullstein-Verlag endlich doch ihren Weg in den kommerziellen Buchhandel. So wurde auch ihr Erstling in diesem Jahr bei Ullstein neu veröffentlicht. Nun ja, so eine Neuveröffentlichung des Erstlings ist nicht immer die beste Idee, die ein Verlag haben kann, bei Nele Neuhaus ist es allerdings auch keine Blamage. "Unter Haien" ist durchaus lesenswert, vor allem für Fans der Autorin. Wer aber kurzweilige Krimiunterhaltung sucht, ist mit ihren Taunus-Romanen eindeutig besser beraten.

Für Leser von: Robert Harris oder Michael Robotham


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2 Responses to Nele Neuhaus' Erstling "Unter Haien" - ein Wallstreet-Krimi

  1. Wenn du nicht dazu geschrieben hättest, dass die Autorin das Buch schon vor Jahren geschrieben hat und es somit nicht erst gestern rauskam, wäre mir vor allem eins aufgefallen:
    Die auffälligen Parallelen zwischen der Beschreibung dieses Buches und dem aktuellen Schmuddel-Bestseller "Shades of Grey".
    In beiden verliebt sich eine junge, vergleichsweise naive Frau in einen reichen Widerling, der sie gleichzeitig anzieht und abstößt.
    Andererseits ist dieses Motiv so alt wie die Welt selbst, man findet es schon in "Clarissa - The History of a Young Lady" aus dem achtzehnten Jahrhundert - auch da fühlt Clarissa sich vom Widerling und Libertin Lovelace angezogen.

    Allgemein ist das Motiv aber eins, das mich eher abschreckt - auch wenn ich durchaus auf längere Beschreibungen im Buch stehe.

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  2. Hi Feuerblut,
    ich muss zur Ehrenrettung der Autorin sagen, dass sie dieses Motiv zwar nutzt, aber nicht ganz so einfach gestaltet. Der Mann ist zunächst nicht ihr gegenüber böse, sondern unterhält ein Machtnetzwerk, welches durch Korruption zu Reichtum und Ansehen gelangt. Alex ist zwar jung für ihren Job (etwa 30) aber nicht so jung wie die Protagonistin von Shades of Grey. Sie wird außerdem als sehr intelligent beschrieben - umso mehr verwundert es den Leser und sie selbst auch, dass sie trotzdem auf Sergio hereinfällt...
    Ich glaube, dass du sehr recht hast, wenn du sagst, dass das Motiv vom Widerling und der schönen Frau so alt ist wie die Menschheit selbst. Es ist allerdings (wie man in meiner Rezension wohl auch merken kann) auch kein Motiv, dass mir besonders gefällt. Oft wird es ja auch sehr klischeehaft eingesetzt. Davon ist auch "Unter Haien" nicht frei...
    Liebe Grüße,
    Mareike

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