Rezension "Er ist wieder da" von Timur Vermes

Ich habe noch nie besonders herzhaft über Hitler-Witze lachen können und darum eigentlich einen großen Bogen um dieses Buch machen wollen. Wie gut, dass der Zufall es mir doch noch in die Hände spielte. Es ist großartig! Witzig, charmant, nachdenklich und irgendwie besorgniserregend.

Nach fast 70 Jahren erwacht auf einem abgelegenen Platz in Berlin ein kleiner Mann mit Schnurrbart und Seitenscheitel, den wir alle beruhigt für tot hielten - Adolf Hitler. Als Mann der Tat trauert er nur kurz über den Verlust seines Führerbunkers, seiner Eva und seiner Parteiangehörigen und macht sich auf in eine Entdeckungsreise der Gegenwart. Es vergeht nur wenig Zeit, bis er für das Fernsehen entdeckt wird und Arbeit in einer nicht mehr ganz so beliebten Comedy-Sendung findet. Als Counterpart zu dem türkischen Comedian Ali Wizgür wird er in dessen Sendung eingesetzt und läuft seinem neuen Kollegen schnell den Rang ab. Skeptischen Stimmen weiß er gekonnt zu begegnen und bald wird er von der zunächst etwas verwirrten Nation gefeiert. Dabei kommentiert er im Grunde nur, was ihm an der Gegenwart und ihrer Politikwelt auffällt - wenig Positives, wenn man einmal von einer "Angelegenheit namens Internetz" absieht.

Reinhören 



Der Mensch hinter dem Monster

Man kann sich kaum vorstellen, dass Vermes' Gedankenexperiment tatsächlich Stoff für 395 höchst unterhaltsame Seiten bietet. Auch denkt man ja irgendwie, dass jeder mögliche Hitler-Witz, jede mögliche Parodie heute schon einmal erzählt, geschrieben oder aufgeführt würde. Trotzdem geht dieser Roman einen Schritt weiter als alle Parodien vor ihm und ist darum auch vielmehr als das. Timur Vermes traut sich aus seinem "Adolf" einen Protagonisten und Ich-Erzähler zu machen, der in keiner Weise lächerlich ist. Er ist auch nicht monströs und wirkt nur selten leicht psychopathisch. Er findet die Ziele der grünen Partei eindeutig ehrenwerter als die der NPD und er unterhält ein nahezu väterliches - oder angesichts seines beträchtlichen Alters besser großväterliches - Verhältnis zu seiner Sekretärin. Er porträtiert einen Mann, der überzeugt davon ist, seine eigenen Interessen stets hinter die seines Volkes stellen zu müssen und der trotzdem weiß, wann es an der Zeit für eine nette Plauderei mit seinen Mitmenschen ist. Und diese mögen ihn dafür irgendwie, genauso, wie man sich selbst beim Lesen dabei ertappt, diesen Ich-Erzähler gar nicht so unsympathisch zu finden, wie den Psychopaten mit dem Er identisch ist. Timur Vermes gelingt es, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten, der einem das Lachen im Halse stecken bleiben lässt.

"Er ist wieder da" ist aber noch aus zwei anderen Gründen eine beeindruckende Lektüre. Zum einen lässt der Roman ganz unverkrampft erkennen, welcher Rechercheaufwand in ihm steckt. Indem Vermes Hitler als Ich-Erzähler wählt, begibt er sich in die Pflicht, ständig historisch korrekt zu bleiben. Gleichzeitig hält er sich aber von allen vorgefertigten Meinungen fern. Als Leser folgt man ihm tief in sein Gedankenspiel, das vor allem darin besteht, sich zu fragen, was ein Mensch mit der Psyche Hitlers denken würde, wenn er mit den Zuständen unserer Zeit konfrontiert wäre. Dadurch entsteht ein überraschend scharfsichtiges Bild auf unsere Gegenwart und Politik. Zu den Höhepunkten gehört dabei eine Begegnung mit Renate Künast. Hitler sichert ihr seine volle Sympathie zu - sie seien ganz einer Meinung, was die Erhaltung des Lebensraums angehe oder den Abzug der Truppen aus Afghanistan (was nütze ein Krieg ohne Aussicht auf einen Sieg?) - nur seien ihre Motive halt ein bisschen unterschiedlich gelagert. Auch die Begegnung mit der NPD hält überraschende Wendungen bereit. In seinen Erwartungen dieser Partei gegenüber tief enttäuscht erkennt er in deren Mitgliedern verweichlichte Stubenhocker.

Mehr als ein Unterhaltungsroman

So stellt dieser Roman letztendlich nichts weniger als die Frage, wo wir uns heute gesellschaftlich befinden und ob wirklich die richtigen Schlüsse aus den Erfahrungen des Krieges gezogen wurden. Ist es heute tatsächlich undenkbar, dass ein "Adolf Hitler" unerkannt bleibt, selbst wenn er vor einem steht? Sind wir wirklich immun davor, auf einen Taktiker hinein zu fallen, der genau weiß, wie er Menschen dazu bringt, ihm zu vertrauen, selbst wenn sie seine Ansichten offen gesagt bekommen? Indem Timur Vermes Hitler weder zu einem Teufel noch zu einem Psychopathen macht, sondern eher die Banalität des Bösen zeigt, beantwortet er seinen Lesern diese Fragen negativ. Er zeigt, dass es nichts nützt, ein Teufelsbild zu kreieren. Nicht nur, weil wir schließlich doch nur das menschliche Antlitz sehen, wenn er vor uns steht, sondern auch, weil nicht nur derjenige Schuld ist, der einen Staat ins Verderben führt, sondern auch diejenigen, die sich diesen Volksvertreter gewählt und an ihn geglaubt haben. "Er ist wieder da" ist also mehr als ein Unterhaltungsroman, es ist ein glühendes Plädoyer dafür, sich genauer anzuschauen, wem man politisch vertraut, sich genauer mit Inhalten zu beschäftigen und sich niemals darauf zu verlassen, dass man einen Hitler schon erkennen wird, wenn er lächelnd vor einem steht.

Vermes, Timur: Er ist wieder da. Eichborn 2012. ISBN: 978-3-8479-0517-2. 19,33 Euro.


Wenn dir mein Artikel gefallen hat, kannst du deinen nächsten Buch-Einkauf gleich über diesen Link starten:  
Bücher portofrei bestellen!
Jetzt bei www.buecher.de!

Ich darf mich über eine kleine Provision von Bücher.de freuen und du bezahlst nichts extra.


 

Posted in , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

10 Responses to Rezension "Er ist wieder da" von Timur Vermes

  1. "Besorgniserregend" ist genau die richtige Beschreibung. :)
    Mir hat das Buch aber auch sehr gut gefallen. Ich reiche das Buch gerade von einem Verwandten/Freund zum nächsten weiter. :D

    AntwortenLöschen
  2. Witzig, bei mir ist das genauso. Es gibt sogar schon eine Warteliste, wer das Buch wann bekommt ;) Aber ich denke auch, dass Mund-zu-Mund-Propaganda hier wichtig ist. Ohne persönliche Empfehlung hätte ich das Buch nicht angefasst, weil ich gedacht hätte, dass es im Grunde ein großer Klamauk ist. Aber gerade die ernsthafte Seite, die einen so sehr zum Nachdenken anregt, hat mir am besten gefallen.

    AntwortenLöschen
  3. ...ohne Empfehlung hätte ich es auch nicht in Betracht gezogen, das Buch zu lesen - nun finde ich die Hörbuchfassung dank Hörprobe und R.Maria Herbst fast besser - ich geh nochmal in mich...;)
    Derweil ein schönes Wochenende
    wünscht
    Kathrin

    AntwortenLöschen
  4. Hallo. Habe dieses Buch vor Kurzem auch gelesen und ich muss sagen, dass mir das Hörbuch in diesem Fall viel besser gefällt, obwohl ich sonst eigentlich nicht viel mit Hörbüchern anfangen kann. Schau doch mal rein, wie ich über dieses Buch geurteilt habe. ;)

    http://literatur-diskussion.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi,
      ja, ich habe auch schon oft gehört, dass das Hörbuch großartig sein soll. Christoph Maria Herbst hat da noch einmal schauspielerisch viel herausgeholt. Ich persönlich mag allerdings lieber schlichte Hörbücher ohne viel Stimmaufwand, weshalb ich diesmal zum Buch gegriffen habe. Ich finde es auch schön, dass man im Buch so ganz mit den Gedanken des Protagonisten im Zwiegespräch ist, ohne ständig diese Hitler-Stimme im Ohr zu haben, die schon so häufig parodiert wurde, dass man das Gefühl hat - wie Christoph Maria Herbst auch im Interview einmal sagte - dass jeder Deutsche sie mehr oder weniger gut nachahmen könne.
      Nun aber noch einmal ein Lob zu deinem noch ganz jungen Blog! Ich mag deine Rezensionen wirklich sehr (auch wenn dieses Buch in meinen Augen wirklich mehr als 3 Federkiele verdient hat ;) ).
      Liebe Grüße,
      Mareike

      Löschen
  5. Der Führer lässt die Kasse klingeln

    Ich war sehr skeptisch, was dieses Buch betraf, habe es mir dann aber wegen der vielen positiven Rezessionen gekauft. Leider, denn so hat der Autor auch an mir etwas verdient. Hilter war nunmal der größte Verbrecher der Menschheit und hier wird er verniedlicht. Für mich ist das Buch nur peinlich und hat weder mit Satire, noch mit Humor etwas zu tun.
    Irgendwie von der Idee nicht schlecht, aber hier wird die schriftstellerische Freiheit mißbraucht, um aktuelle Personen und Politiker zu beleidigen und zu verunglimpfen, dafür aber braune Ideen mehr oder minder zu verherrlichen.
    Fazit: Die Grundidee ist nun mal kein Garant für kluge Literatur. Eines wird der Autor dennoch erreichen. Das Buch wird sich verkaufen und das noch nicht mal zu unrecht. Geeignet für eine kontroverse Diskussion ist es allemal.
    Mit anderen Worten: Leute kauft Scheiße, millionen Fliegen können sich nicht irren!

    AntwortenLöschen
  6. Puh, dein Kommentar hat mich echt nachdenklich gemacht. Rufe ich hier wirklich dazu auf, "Scheiße" zu lesen? Ich habe mir darum viele Gedanken gemacht, war allerdings am Ende immernoch der Meinung, dass es sich bei diesem Buch um "kluge Literatur" handelt. Nicht, weil es sich hier um ein hochliterarisches Werk handelt, sondern, weil die beständigen Brechungen, die Hinweise darauf, dass die Situationen, die wir als so skuril und darum irgendwie witzig empfinden vom Protagonisten ganz ernst gemeint sind, einem als Leser etwas Essentielles über sich selbst verraten. Wir leben in einer Zeit, die unzählige Hitlerwitze und Parodien kennt und haben dadurch tatsächlich ein wenig die Ernsthaftigkeit des Ganzen vergessen. Ich habe neulich den Film über Hannah Ahrendt gesehen und finde nun, dass ihre Ideen, die zu ihrer Zeit auch sehr sehr kontrovers und verufen waren, auf ähnliche Weise mahnen wie dieses Buch. Das Böse ist keine Witzfigur und es ist auch nicht monströs. Das Schlimme am Bösen ist, dass wir es nicht erkennen, wenn es persönlich vor uns steht. Es ist so banal, dass wir es einfach nicht sehen, sobald es hinter einem netten Lächeln oder einer onkelhaften Geste verborgen ist. Das ist in meinen Augen keine Verniedlichung, sondern ein Zurückholen ins Menschliche, Alltägliche und damit dorthin wo das Böse tatsächlich passiert. Man neigt heute dazu, sich in Sicherheit zu wiegen und zu denken, dass man irgendwie klüger wäre als die Menschen damals. Ich glaube, dass Timur Vermes uns zeigen möchte, dass wir das nicht sind - weder der Kioskbesitzer auf der Straße noch die höchsten Politiker sind davor sicher, die gleichen Fehler zu begehen wie Menschen und Politiker der 20er Jahre, nämlich, die Gefahr nicht ernst zu nehmen und einen Menschen zu unterschätzen, der auf den ersten Blick so harmlos wirkt und Ideen ausspricht, von denen man annimmt, dass er sie nicht einmal selbst ernst nehmen kann.
    Nun ist es natürlich schwierig und irgendwie auch gefährlich, sich als Autor so nah an eine solche Figur heranzuwagen. Als klares Indiz dafür, dass Timur Vermes seinen Roman nicht als Verherrlichung rechten Gedankenguts missverstanden haben möchte, sehe ich die Szene der Konfrontation mit der NPD, in der der Protagonist diese scharf kritisiert.
    Ich denke, dass dieser Roman als Warnung nur dann funktionieren kann, wenn die Figur "Hitler" dem Leser so nahe kommt, dass er irgendwann vor der eigenen Sympathiefähigkeit erschrickt. Denn nur so kann man den Effekt erzielen, dass dem Leser bewusst wird, dass man keineswegs sicher davor ist, das Böse nicht zu erkennen, wenn es einen anlächelt.
    Nun kann man das Buch mögen oder nicht, die Diskussionen, die es hervorruft - das sagst du ja auch - sind in meinen Augen ein wesentlicher Bestandteil der Qualität dieses Romans. Einen gefälligen Roman zu lesen und dann bei Seite zu legen, ist eine schöne Sache, aber wirklich etwas bewirken kann Literatur in meinen Augen nur dann, wenn sie einen dazu bringt, sich mit elementaren menschlichen Phänomenen auseinander zu setzen. Die Unfähigkeit, das Böse zu erkennen, wenn es freundlich erscheint, gehört in meinen Augen dazu. Auch darum würde ich "Er ist wieder da" als einen guten Roman bezeichnen, der uns einen Spiegel vorhält und darüber diskutieren lässt.

    AntwortenLöschen
  7. Der Teufel ist nunmal ein Eichhörnchen. Ok, ich kann ja auch nur meine Meinung zu dem Buch wiedergeben.Mir hat es nicht gefallen und ich würde es auch nicht weiter empfehlen. Zum einen fand ich die Geschichte, nach einem gelungenen Anfang, ab der Mitte nur noch zäh und langatmig.Wenn ich zunächst öfter über die gelungenen Formulierungen und die bizzaren Äußerungen schmunzeln konnte,hab ich irgendwann gedacht, hier passiert gar nichts mehr. Ich würde nur 2 von 10 Punkten für die Idee zu diesem Buch vergeben.
    Das was du über das Buch schreibst ist sicherlich ein Ansatz zum Grübel und das sollte in aller Köpfe immer wach bleiben.Kommt nach diesem Buch bei mir aber nicht an.
    Wie gesagt, ich nehme mir mal die Freiheit dieses Buch nicht zu mögen, auch trotz der vielen überschwenglichen Kritiken. Zudem stört mich das Belinerisch. Jeder weiß, wie der Berliner Akzent gesprochen wird und ich für meinen Teil muss das nicht auch noch lesen. Aber diet is ja Jeschmackssache.

    Ich habe meine Zugangsdaten vergessen, ich bin der mit dem Pseudonym ROCKER

    AntwortenLöschen
  8. Der Führer erwacht 2011 in Berlin und wird zur Youtube-Kultfigur und zum gefragten Comedian. Selbst die Grünen bieten ihm eine zeitweilige Mitgliedschaft an, so lustig und cool ist Adolf Hitler. Sie finden das geht zu weit? Finde ich nicht. Denn dieses Buch schafft einen großartigen Balanceakt zwischen intelligentem Witz und Klamauk. Und irgendwie bildet sich beim Leser ständig eine neue Gänsehaut: Ja, was wäre denn, wenn der Führer zurückkäme? Würde er aufgrund seiner Thesen – und der 2011er Hitler im Roman weicht nicht einen Fuß von seinen hinlänglich bekannten Ansichten ab – von den Medien ignoriert? Oder würde er gehypt und vom Fernsehen gierig als Coup des Jahrhunderts entdeckt? Würde man ihn, sei es auch nur in Verkennung seiner politischen Absichten, als Showtalent feiern? Fände man diesen höflichen, direkten Onkel Wolf nicht vielleicht doch ganz nett? Was wäre wenn? Spätestens im Interview mit der Grünen Renate Künast kommt es zu Wendungen, Übereinkünften und politischen Missverständnissen, die einer Real-Satire gleichen. Haben die Grünen wirklich so viel mit der Umweltpolitik Hitlers gemein? Quatsch, oder? Oder doch nicht? Ja, der 2011er Hitler ist ein Schreckgespenst, weil er es schafft, mühelos ins kuschlige, multimedial eingelullte deutsche Wohnzimmer zu kommen. Und wie er da herumspukt und sich einrichtet! Autor Timur Vermes legt mit "Er ist wieder da" einen echten Eulenspiegel-Streich vor. Wundervoll. Es scheint, als hätte der einst für seine politisch-unkorrekten Titel berühmte Eichborn Verlag unter der Obhut des Lübbe Verlags zu alter Größe zurückgefunden. Hut ab!

    AntwortenLöschen
  9. Library! Ich danke dir fuer deinen tollen und ausfuehrlichen Kommentar. Ich freue mich, dass du ebenso wie ich das subversive Potential dieses Romans siehst. Die gleiche Gaensehaut, die du beschreibst ueberkam mich beim Lesen auch immer wieder. Das sind die Momente in denen einem das Lachen im Halse erstickt und man sich selbst fragen muss, wie man wohl reagieren wuerde.
    Liebe Gruesse,
    Mareike

    AntwortenLöschen

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.