Belletristik-Rezension: Scott Bradfield: „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ ist ein eigentümliches Porträt der amerikanischen Gesellschaft

Die kleine Sal ist von Kindesbeinen an eine Nomadin. Von Erwachsenen hin- und hergereicht, zu wenig oder zu viel beachtet, verhätschelt und ausgenutzt, lässt sie sich von einem Ort zum anderen treiben. Dabei versucht sie, sich gut an die Leute zu erinnern, die sie vorübergehen sahen. Scott Bradfield ist in seinem neuen Roman ein atmosphärisch dichtes Gesellschaftsporträt gelungen, dass diese aus der Froschperspektive zeigt. „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ ist ein eindringliches und sehr literarisches Leseerlebnis.

Ein kleines, blondes Mädchen, das jeder gern bei sich hat

Salome ist gerade einmal drei Jahre alt, als sie von einem Klempner im Hause ihrer Eltern entführt wird. Er ist sicher, dass er sich von nun an und für alle Zeiten sehr viel besser um sie kümmern wird als ihre richtigen Eltern und Sal akzeptiert ihn schnell als ihren Daddy. Doch schon bald passieren zwei Dinge: Ihr „Daddy“ hat genug von dem kleinen Mädchen und die Nachbarin entdeckt, dass sie das Kind unbedingt haben möchte – schließlich wurden die eigenen Kinder ihr vom Jugendamt genommen. Und so macht Salome zum ersten Mal eine Erfahrung, die für ihr Leben symptomatisch werden soll. Jeder möchte das kleine blonde Mädchen bei sich haben und jeder hat bald genug von der Verantwortung. Sal entwickelt darum eine erstaunliche Unabhängigkeit, die sie gehen lässt, bevor die Menschen, denen sie begegnet, sie wieder aussetzen. So werden die Menschen, die sie vorübergehen sehen muss zu den Menschen, die sie vorübergehen sahen. Salome wird von einem passiven Opfer erwachsener Verantwortungslosigkeit zu einem aktiven Subjekt, das selbst entscheidet, wie lange es an einem Ort bleibt. 

Junge Familien in großen Häusern, alte Männer in Waschsalons und die Fürsorge

Salome geht das erste Mal von selbst weg, als sie es bei der Nachbarin ihres „Daddys“ nicht mehr aushält. In ihrem rosafarbenen Kleidchen und Sonntagsschuhen geht sie einfach die Hauptstraße entlang, bis jemand anhält und sie mitnimmt. Meist kommt sie so zu jungen Familien in großen Häusern, in denen ihr Erdnussflips mitgebracht und die Haare gestreichelt werden. Fast immer sind es die Mütter dieser Familien, die die Kleine unbedingt behalten wollen und sie sind es dann auch, die sie mit einem Lunchpaket und etwas Wasser wieder an der Straße aussetzen. Als Sal genug hat von Erdnussflips und großen Häusern, entdeckt sie Waschsalons für sich. Die alten Männer, die sie betreiben, sind wortkarg und lassen Sal meist in Ruhe. Das geht so lange gut, bis ein junger Mann in einen dieser Waschsalons kommt und Sal zur Frau haben will. Natürlich nur perspektivisch. Er nimmt sie mit zu seiner Großmutter. Der nächste Ort, an dem der Leser Sal wiedertrifft, ist das Behandlungszimmer einer Kinderpsychologin. Sie arbeitet für die Fürsorge und mit Sals Hilfe gelingt es ihr, einen großen Gerichtsprozess zu gewinnen. Doch auch von diesem Ort kann Salome wieder fliehen und auch die Psychologin wird zu einer Person, die sie vorübergehen sehen musste. 

Ein Roman in Geschichten

Zu keinem Zeitpunkt in diesem Roman hat der Leser das Gefühl, alles zu wissen, was Sal wiederfahren ist. Fragmente von Begegnungen werden aneinander gereiht und nur lose miteinander verbunden. Immer ist das, was erzählt wird, höchst subjektiv und durch den kindlichen Blick Sals gefiltert. Ohne Vorurteile geht sie durch die Welt, von der sie nur erwartet, in Frieden gelassen zu werden. Die fragmentarische Erzählweise und der Blick aus beobachtenden Kinderaugen, die nie gelernt haben, Kategorien wie Gut und Böse anzuwenden, führen dazu, dass man als Leser diesen Roman als sehr verdichtet wahrnimmt. Die Sprache ist schlicht und doch wirkt der Roman durch seine Konstruktion sehr literarisch. Die erzählerischen Schnappschüsse, die das kleine Mädchen von den Menschen in ihrer Umgebung macht, sind so atmosphärisch, dass die Figuren absolut lebendig wirken. Was Sal beobachtet ist nicht immer schön und lässt den Leser nicht unbedingt nur heiter zurück. „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ zeigt auf eindringliche Weise, wie sehr die Gesellschaft ihre eigenen Kinder vereinnahmt und für die eigenen Zwecke ausnutzt. Ich habe jede von Sals Begegnungen mit Spannung verfolgt und die Menschen, die sie vorübergehen sahen, haben auch mir zu denken gegeben. Dieser amerikanische Roman erschien mir als solcher so ungewöhnlich und interessant, dass ich euch die Lektüre nur empfehlen kann.

Bradfield, Scott: Die Leute, die sie vorüber gehen sahen. Residenzverlag 2013. ISBN: 978-3701716036. 21,90 Euro.

Ich danke dem Residenzverlag und Vorablesen für die Bereitstellung des Leseexemplars.

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