Belletristik-Rezension: Carolina de Robertis "Perla" ist ein berührender Identitätsroman

Perla hadert schon mit ihrer Identität, seit sie in ihrer Schulzeit entdeckt hat, dass die Anstellung ihres Vaters beim Militär in anderen Widerwillen erzeugt. Sie weiß, dass das mit den "Verschwundenen" zusammenhängt. Doch erst, als sie eines Tages von der Universität nach Hause kommt und einen nassen Toten in ihrem Wohnzimmer vorfindet, ist sie gezwungen, sich mit den Ausmaßen der Verbrechen ihrer Familie auseinanderzusetzen. Es beginnt eine verzweifelte Suche nach dem eigenen Ich.


Ein Verschwundener kehrt zurück

Bloß und elend, triefend nass, übel riechend und mit einem unbändigen Hunger nach Wasser - so liegt der geheimnisvolle Fremde plötzlich und unerklärlich im Wohnzimmer von Perlas Elternhaus. Die Psychologiestudentin ist gleichzeitig fasziniert, abgestoßen und davon überzeugt, von ihren inneren Dämonen verfolgt zu werden. Sie zieht sich ganz in sich selbst oder das Haus zurück, geht nicht mehr in die Universität und stellt sich endlich den Fragen, die sie schon so lange beschäftigen. Dabei kommt sie immer wieder zu der einen zentralen Frage zurück, wie sie ihren Vater lieben kann, obwohl sie weiß, dass er im Rahmen seiner militärischen Karriere Verbrechen begangen hat, die nur schwer vorstellbar sind. Perlas Trauma, das macht Carolina de Robertis sehr deutlich, ist nicht nur eine persönliche Identitätskrise, sondern betrifft auch ihr ganzes Heimatland Argentinien. Die Geschichte der Verschwundenen, die während der Militärdiktatur verfolgt und vernichtet wurden, ist inzwischen zwar veröffentlicht aber noch lange nicht verarbeitet. Diejenigen, die Zeugen oder sogar Täter waren schweigen mehrheitlich und diejenigen, die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt unter dem Verlust von Familienmitgliedern leiden, geben die Hoffnung nicht auf. Regelmäßig beten die "Madres" öffentlich für die Rückkehr ihrer vermissten Kinder. Diejenigen, die den Tod dieser akzeptiert haben, suchen nach ihren Enkeln, von denen sie annehmen, dass sie zur Zwangsadoption freigegeben wurden.

Perla stellt sich der Vergangenheit

In den Tagen, die sie mit ihrem persönlichen Geist eines Verschwundenen verbringt, macht Perla eine erstaunliche Entwicklung durch. Was sie sonst nur ahnen konnte, wird zur drängenden, manchmal sogar bedrängenden Wahrheit. Dabei weiß der Leser zunächst mehr als Perla selbst. In die Schilderung ihrer Geschichte streut de Robertis immer wieder Einblicke in die Gedanken des Fremden ein, zeigt seine Vergangenheit und dass auch er sich immer wieder die Frage stellt, warum er zu diesem Mädchen gekommen ist und was sein Auftrag hier sein könnte. Das Hadern der Beiden, die Unsicherheit über die Identität des jeweils anderen wird von der Autorin so intensiv beschrieben, dass es den Leser unwillkürlich in diese Geschichte hineinzieht. Er ahnt wohl als Erstes, was für die Protagonisten erst ganz zum Schluss zur Gewissheit wird, dass sie sich nur gegenseitig ihre Identität geben können. Perla muss die Verantwortung realisieren, die in ihrer Familiengeschichte liegt, auch wenn sie sich dafür von ihrem geliebten Vater lossagen muss. Nur der Fremde kann ihr in seiner geisterhaften Präsenz zum Zeugen für das Geschehene werden. Im Gegenzug kann das Mädchen dem Toten endlich seinen Frieden schenken, indem sie sein Andenken in ihrer Generation weiter leben lässt.

Ein zarter, fantastisch relaistischer Roman

Die Thematik der Verschwundenen ist ein düsteres und belastendes Kapitel der argentinischen Geschichte. Indem Carolina de Robertis allerdings diese Geschichte in der Figur des jungen Mädchens Perla und ihres persönlichen Geistes individualisiert, bringt sie sie dem Leser sehr einfühlsam nahe. Statt zu verurteilen, zeigt sie die komplexen psychologischen Konflikte ihrer Figuren, die niemals eindeutig gut oder böse sind. Selbst Perlas Vater wird vielschichtig dargestellt - als fürsorglicher Mann, als missverstandenes Kind, als Täter, der selbst nicht verstehen kann, wie er solch grausame Taten vollbringen konnte und schließlich als Persönlichkeit, die unbedingt in das Bild eines normalen, ehrbaren Bürgers passen möchte. De Robertis nimmt ihre Leser an die Hand, um ihnen zu zeigen, wie diese Figuren funktionieren. Sie wertet nicht und mahnt nur ganz sachte. Statt dessen erzählt sie in Anlehnung an die Tradition des fantastischen Realismus von den Geistern der Vergangenheit, die für eine ganze Nation so real erscheinen wie für Perla der Mann in ihrem Wohnzimmer. "Perla" ist ein faszinierender Roman der leisen Töne. 

Robertis, Carolina de: Perla. Fischer Verlag 2013. ISBN: 978-3810508539. 18,99€.


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