Belletristik-Rezension: Pulitzer-Preisträger "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" ist alles andere als langweilig - aber ganz schön lang

Um ganz ehrlich zu sein - ich hatte noch nie vom Pulitzer-Preis für Literatur gehört, bevor Adam Johnson ihn in diesem Jahr bekam. Sein Roman hat wohl auch so viel Aufsehen erregt, da er sich mit Nordkorea befasst, einem Land, das bisher nach außen hin eine eher vage bleibende Bedrohlichkeit verbreitete. "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" gibt dem Schrecken ein Gesicht. Das ist löblich und interessant, hätte aber noch mehr verdichtet werden können. Oder, um es salopp zu sagen: Zu viele Längen für meinen Geschmack.



Erster Teil: Beinahe-Waise Jun Do

Jun Do ist - so behauptet er zumindest - der Sohn des Waisenhausbetreibers und einer schönen unbekannten Sängerin. Natürlich kann sein "Vater" ihn nicht vor anderen Kindern bevorzugen. Darum benachteiligt er ihn. Jun Do erträgt dies in dem Glauben, gleichzeitig etwas Besseres zu sein als seine Mitwaisen, und für sie sorgen zu müssen. Im ersten Teil des Romans verfolgen wir als Leser das Leben dieser Figur, die immer das tut, was von ihr erwartet wird. Da Jun Do als Waise gilt, sind das immer niedere Tätigkeiten. Er arbeitet im Bergwerk, als Entführer von Japanern, als Spion und schließlich wird er auf eine Mission nach Amerika geschickt als - ja, als was eigentlich?

Teil Zwei: Kommandant Ga (kann Spoiler enthalten) 

Die Mission bleibt erfolglos, der Waise Jun Do wird in ein Lager deportiert, die Spur seines Lebens verläuft im Sande. Doch ein Jahr später taucht an der Seite der Volksschauspielerin Sun Moon ein gefährlicher Hochstapler auf, der ihren Mann Gefängnisminister Kommandant Ga getötet hat, um sich nun als derselbe auszugeben. In einem Land, in dem es nur die Wahrheit gibt, die vom Diktator ausgerufen wird, spricht keiner aus, was jeder sieht und der Unbekannte kann zu Kommandant Ga werden. Dieser soll ein politisches Treffen mit den Amerikanern organisieren. Der Held des Romans nutzt die Gelegenheit, um seine geliebte Schauspielerin zu retten und als Botschafterin der Wahrheit nach Amerika zu schicken. Er selbst kommt dafür erneut in ein Gefängnis, dass er wieder nur als ein Anderer verlassen kann.

Die sieben Siegel Nordkoreas (wieder lauter Spoiler)

Der besondere Reiz dieses Romans liegt, so traurig das ist, weit weniger auf der Geschichte, die er erzählt, als vielmehr auf den Fakten, die er andeutet. Der Autor hat erstaunliche Recherchearbeit geleistet, um Licht in das Dunkel zu bringen, das Nordkorea umgibt. Er macht aus dem Diktator Kim Jong Il eine Figur in einem Roman und ihn somit greifbar. Er zeigt, welche Personen hinter plötzlichen Entführungen stehen könnten. Er wirft einen Blick auf die Propaganda-Maschine. Er zeigt die Lager. Er versetzt sich in die Lage eines Folterexperten. Er zeigt ein Land, in dem an das geglaubt werden muss, was einer sagt, auch wenn die Lüge offensichtlich ist. Und er zeigt das Missverstehen der westlichen Welt, das nur dadurch aufgelöst werden kann, dass einer davon erzählt. Genau das mach Adam Johnson. Er erzählt eine Geschichte, die die Welt verbessern soll.

Weniger ist mehr 

Wie bei nahezu jedem Buch, in dem zu viel Ehrgeiz steckt, habe ich auch bei "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" das Gefühl, dass die Erzählung zu sehr aus dem Blickfeld rutscht. Das Schicksal von Jun Do erneuert sich zwar ständig, die ewig neuen Zusammenhänge in die er gerät, könnten allerdings ebenso gut dichter erzählt werden. Der erste Teil zieht sich leider arg dahin und im Grunde wird es erst von der zweihundertsten Seite an etwas spannender. Wie ihr vielleicht bemerkt habt, führt eine solche Erzählweise bei mir zwar nicht dazu, ein Buch wegzulegen, aber ich fange an, andere Bücher zwischendurch zu lesen. Diesmal habe ich den neuen Heinz Strunk und Jenny Lawson ganz geschafft, andere angefangen - kein gutes Zeichen.

Auch im zweiten Teil gibt es immer wieder Längen. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, die sich zwar irgendwie ergänzen, oft aber auch wiederholen. Auch zu den Figuren findet man als Leser keinen persönlichen Draht. Was einen dennoch nicht aufhören lässt, sind die Informationen, die einem durch die Erzählung zukommen. Ich kann dieses Buch darum nur demjenigen empfehlen, der sich für die Nordkorea-Thematik interessiert, aber nicht gerne Sachbücher liest (so wie ich z.B.). Allen anderen sei geraten, zu Heinz Strunk oder Jenny Lawson zu greifen und sich ein schlankes Sachbuch über Nordkorea anzuschaffen.

Johnson, Adam: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do. Suhrkamp Verlag 2013. ISBN: 978-3518464250. 22,95€.

Wenn dir mein Post gefallen hat, kannst du deinen nächsten Buch-Einkauf gleich über diesen Link starten: 
Für Leser aus der Schweiz geht es hier entlang: 

Ich darf mich über eine kleine Provision von Bücher.de oder Bol.ch freuen und du bezahlst nichts extra.

Posted in , , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

Leave a Reply

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.