Indie-Literatur: Ein Roman, der in keine Schublade passt - Ellen Dunnes "Für immer mein"

Wenn ich in meiner inzwischen Jahrzehnte umfassenden Erfahrung als Leserin eines verstanden habe, dann, dass Verlage Labels brauchen, gute Geschichten hingegen nicht. Da Ellen Dunnes Roman "Für immer mein" in einem kleinen irischen Indie-Verlag erschienen ist, hat er das Label "Krimi" abbekommen. Doch die Geschichte umfasst so viel mehr als dieser Stempel bieten kann. So ist Ellen Dunnes Roman Familiengeschichte, zeithistorischer Roman und Sozialdrama in einem. Wenn der Anfang auch teilweise etwas schleppend ist, so wird der zweite Teil des Romans so fesselnd, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.



Ein Mann ohne Geschichte

Die eine Perspektive aus der "Für immer mein" erzählt wird, ist die des jungen Mannes Tarek, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, dass er die Geschichten anderer aufschreibt, da er selbst keine zu haben scheint. Er lebt in Irland zusammen mit einer Frau, die er weder verlassen noch lieben kann. Er ist gerade auf dem Weg zu einem Auftrag in seiner alten Heimat Wien als sie ihm gesteht, dass sie schwanger ist. In Wien trifft er nicht nur auf seine neue Auftraggeberin Helga, sondern auch auf seine Jugendliebe, die ihn sofort wieder in ihren Bann zieht. Zu allem Überfluss hat er sich auch noch bei seinen Adoptiveltern einquartiert, die er eigentlich nur selten besucht. Obwohl sein Vater schwer an Krebs erkrankt ist, kann Tarek es nicht lassen, seinen Eltern vorzuwerfen, dass sie ihm seine wahren Eltern und damit seine eigene Geschichte vorenthalten haben. So stolpert der Protagonist von Konflikt zu Konflikt und kann sich nie richtig positionieren, da die Ungewissheit seiner Herkunft ihm nicht erlaubt, eine vollständige Identität auszubilden.

Eine Frau mit einer Geschichte

Der zweite Erzählstrang wird von Tareks Auftraggeberin Helga bestritten. Sie schreibt Briefe an ihren verstorbenen Mann, in denen offenbar wird, dass sie sich für Tareks leibliche Mutter hält. Nach und nach erzählt sie dem Verstorbenen von ihrer Gegenwart - ihren Treffen mit ihrem "Jungen" - und Tarek von ihrer Vergangenheit. Es ist die Geschichte einer großen Liebe und einer Flucht aus der DDR in den Westen. Es ist die Geschichte eines Wunschkindes und eines totalitären Regimes, dass dieses einfach für tot erklären kann. Schließlich ist es auch eine Geschichte von Konformität und Nonkonformität, von Loyalität und Verrat und immer wieder von der Bedeutung dessen, was Familie ausmacht. Dass Helga durch die Traumata, die ihr Leben hinterlassen hat, nicht mehr ganz richtig tickt, schwant nicht nur dem Leser, sondern auch dem vertrauensseeligen Tarek erst spät.

Ein fesselnder Roman in mehreren Stimmen

Von Anfang an haben mich an diesem Roman vor allem die unterschiedlichen Erzählstimmen fasziniert. Während eine neutrale Erzählerstimme von außen über Tarek berichtet, seine Handlungen und Gedanken nahezu neutral schildert, erzählt Helga mit ihrer eigenen Stimme. Die ist etwas ungeschliffen und schroff, wie man es von Menschen aus Berlin kennt. Es ist eine Stimme voller Schmerz und Sehnsucht nach dem, was sie verloren hat und dennoch voll trotziger Kraft. Helga wird das Schicksal, das andere für sie bestimmt haben, niemals akzeptieren. Sie ist eine Kämpferin, die bereit ist, jeden Weg zu beschreiten, der ihr ihre Familie zurückgeben kann. Doch Ellen Dunne findet nicht nur für die starke Helga und den haltlosen Tarek passende Stimmen. Sie lässt auch Tareks Adoptiveltern zu Wort kommen. Schließlich taucht in einem Brief auch noch die Stimme seines Großvaters auf. Dabei lässt die Autorin stets mehrere Interpretation zu, vorverurteilt keine ihrer Figuren und erschafft so ein Kaleidoskop von Individualgeschichten, die alle zu dem beitragen, was eigentlich Tareks Herkunft ausmacht.

Dass die erste Hälfte des Romans eher so vor sich hin plätschert und die Ereignisse ganz subtil ihren Lauf nehmen, bremst zwar das Lesevergnügen zunächst etwas aus, passt aber durchaus zur Stimmung dieses Romans. Unabhängig davon, was unter der Oberfläche vor sich hin brodelt, geht das Leben in seinem ewigen Kreislauf aus Neuerung und Verfall seinen Lauf. Für den Leser lohnt sich hier etwas Geduld, denn schon bald nimmt die Spannung zu, das Brodeln wird stärker bis sich alle Spannungen schließich in einem Showdown entladen, der auch erklärt, warum sich der Verlag entschieden hat "Für immer mein" als Krimi zu verkaufen. Ganz wenige, kleine sprachliche Ungeschliffenheiten weist der Roman zwar auf, aber selbst diese fügen sich erstaunlicher Weise ins Gesamtkonzept ein. Auch hier erweist sich die Vielstimmigkeit als geschickter Clou der Autorin, der solche kleinen Unebenheiten als figurentypisch kaschiert.

Mehr als nur ein Krimi

In meinen Augen hat der Verlag dem Roman nicht unbedingt einen Gefallen getan, indem er ihn mit dem Krimi-Label versehen hat. Die Genreansprüche der Spannung von der ersten bis zur letzten Seite kann er nicht halten, dafür geht die Geschichte an anderen Stellen weit über das hinaus, was Kriminalromane zu bieten haben. Die Figurenzeichnung ist dicht, die Story wirkt historisch sehr gut fundiert und stimmig. Was für den klassischen Krimileser wie ein "zu wenig" wirken kann, ist also im Grunde genommen ein zu viel. Darum geht meine ausdrückliche Empfehlung für diesen Roman an all die Leser, die sich an einer Sozialstudie mehr erfreuen als an schnellem Thrill. Ihr werdet an diesem ungewöhnlichen Indie-Roman, der sich einfach nicht in eine Schublade quetschen lässt, viel Spaß haben.

Dunne, Ellen: Für immer mein. Eire Verlag 2013. ASIN: B00FK2TBR6. Ebook 4,99€ 

  

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