Belletristik-Rezension: Riikka Pulkkinens Familienroman „Wahr“ nähert sich den ewigen Rätseln der Menschheit auf ebenso tiefgründige wie leichtfüßige Weise

Manchmal wachsen einem Bücher besonders ans Herz, weil sie eine Geschichte haben. „Wahr“ ist für mich so ein Buch und darum fange ich heute einmal mit der Geschichte zur Geschichte an (für alle, die keine Lust auf einen kleinen Schlenker haben, geht es jetzt bei Absatz 2 weiter). Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon vor Riikka Pulkkinens Roman stand und ihn mir kaufen wollte. Das pinkfarbene Cover mit der Frauenfigur darauf hat mich allerdings wohl genauso stark abgestoßen wie angezogen. Das Risiko war hoch, hier auf einen ganz herkömmlichen Frauenroman oder – was noch viel schlimmer wäre – auf eine Nachfolgerin von Mrs. Roche zu stoßen und so ließ ich erst das Hardcover und später das Taschenbuch links liegen. Bis ich neulich aus der Hamburger Staatsbibliothek kam und auf dem Campus fast über den Stand eines Bouquinisten stolperte. Mit diesen gern gesehenen Open Air Antiquaren hatte ich an diesem Tag nicht gerechnet, denn der Wintereinbruch zeichnete sich bereits ab und es schien mir viel zu kalt für einen Tag unter freiem Himmel. Und so fiel sie mir wieder ins Auge - Riikka Pulkkinen. Nach kurzem Feilschen und Plausch mit dem Verkäufer gehörte sie nun endlich mir und ich muss sagen, dass mich selten ein Buch so überrascht hat wie dieser Roman „Wahr“, der genau das ist, was sein Titel verspricht - auf mal schmerzhafte mal fröhliche Art absolut wahr.

Der Klappentext von Riikka Pulkkinen Roman „Wahr“ verrät dem potentiellen Leser, dass es sich hier um eine Geschichte des Sterbens handelt. Das ist nur teilweise richtig, denn eigentlich geht es doch eher um das Leben, das im Angesichts des Todes so deutlich hervortritt. Es geht darum, gelebt zu haben und Entscheidungen zu überdenken. Es geht darum, das Vergessen einmal hinter sich zu lassen. Es geht um Geschichten, die so menschlich sind, dass sie sich immer zu wiederholen scheinen. Und es geht um die Tücken der großen Liebe, die es eben manchmal und für Manche mehr als einmal geben kann und für andere nicht. Riikka Pukkinen erzählt diese schwerwiegende Geschichte so leichtfüßig, dass man sie nicht mehr aus der Hand legen mag. In einem Spiel mit Fakt und Fiktion innerhalb ihrer Erzählwelt lässt sie außerdem auf einer zweiten Ebene erahnen, warum Menschen sich so gerne Geschichten ausdenken.

Ein Familienroman

Elsa kann auf ein erfülltes Leben als Psychologieprofessorin zurückblicken, als sie sich bereit macht, zu Hause an ihrer schweren Krebserkrankung zu sterben. Ihr Mann Martti kann sich nicht vorstellen, wie es werden soll, wenn sie nach Jahrzehnten der Zweisamkeit plötzlich nicht mehr da sein sollte. Ihre Tochter Ella ist eine erfolgreiche, wenn auch etwas strenge Ärztin geworden und hat zwei wunderbare junge Töchter, die tüchtig mit anpacken, wenn es darum geht, der Oma die letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Sie haben, das wird schnell klar, ein recht normales, ein gutes Leben.

Doch nach und nach kommt die Schattenseite dieses Lebens ins Bewusstsein. Elsa ist etwas zu unbekümmert beim sterben, Martti etwas zu schwermütig, Ella leidet unter plötzlichen Kopfschmerzattaken und möchte tagelang allein sein und ihre Tochter Anna hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Nervenzusammenbruch. Und so verschiebt sich unmerklich der Fokus von Elsa zu Anna. Deren Studentenleben wirkt zunächst harmonisch. Gerade noch in einer WG gehaust, wohnt sie jetzt mit ihrem neuen Freund in einer gemütlichen kleinen Wohnung. Mattias ist das, was man als Großmutter als „netten jungen Mann“ bezeichnet. Er ist hilfsbereit, steht Anna zur Seite und sagt ihr, dass er sie liebt. Doch obwohl sie seinen Satz erwidert, wird Anna das Gefühl nicht los, eines Tages aufstehen zu müssen, Mattias ein „bis morgen“ zu sagen und aus ihrem eigenen Leben zu verschwinden.

Ein Liebesroman

Nach diesem langen harmonischen Leben, das unter der Oberfläche so angespannt ist, kommt für Martti und Elsa plötzlich die Erinnerung an Eeva zurück. Eeva, die andere Frau, die Martti liebte. Eeva das Kindermädchen von Ella. Eeva, der Traum vom anderen Leben. Kaum hat Anna ihre Spuren im Haus der Großeltern entdeckt, beginnt sie, sich Eevas Geschichte auszumalen. Sie schreibt sie auf, erzählt sie sich selbst und versucht zu verstehen, was damals passierte und was ihr selbst vor gar nicht allzu langer Zeit passiert war.

Ein Roman über das Leben

Riikka Pulkinnens Roman entwickelt eine erstaunliche erzählerische Macht, dadurch dass sie wagt, geheimste Gedanken ihrer Protagonisten aufzuschreiben. Sie schreckt nicht davor zurück, Unbequemes über den Tod, das Leben und die Liebe offen zu legen. Dadurch erlangt ihre Geschichte genau die schlichte Wahrheit, die der Titel verspricht. Es gibt keinen einzigen überflüssigen Gedanken darin und nicht einmal rutscht sie in die Sentimentalität ab. Der Leser spürt, wie ernst sie ihre Protagonisten nimmt. Die einzige kleine Schwäche, die „Wahr“ hat, ist der überflüssige und lose in der Luft hängen bleibende Erzählfaden über Annas Schwester Maria. Anders als alle anderen Figuren, bekommt Maria keine Geschichte, kein Leben, nichts, was unter die Oberfläche der guten Enkelin dringt. So fragt man sich am Ende, wieso diese Figur eigentlich da ist und ob niemandem ihre Überflüssigkeit aufgefallen sein mag. Abgesehen von dieser kleinen Merkwürdigkeit, haben wir es bei Riikka Pulkkinens Roman „Wahr“ mit einem großartigen Stück Belletristik zu tun, das ganz unverwandt ausspricht, was niemand gerne sagen mag. Es ist ein Buch, dem ich viele Leser wünsche ebenso wie ich Vielen wünsche, auf dieses Buch zu stoßen. Vielleicht genauso unvermutet wie ich über es gestolpert bin. 

Pulkkinen, Riikka: Wahr. Ullstein Verlag 2013. ISBN: 3548611621. 9,99 €

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One Response to Belletristik-Rezension: Riikka Pulkkinens Familienroman „Wahr“ nähert sich den ewigen Rätseln der Menschheit auf ebenso tiefgründige wie leichtfüßige Weise

  1. Danke für die Rezension! Kann ich nur zustimmen. Bis auf die Tatsache, dass ich es nicht schlimm fand, dass Marias Geschichte nicht genauer erzählt wurde. Ich glaube, das hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Ein wirklich toller Roman!

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