Belletristik-Rezension: Tina Uebels "Die Wahrheit über Frankie" ist eine kleine Sensation

Es ist Weltfrauentag. Kein Grund, ein Drama daraus zu machen, wenn man mich fragt, aber warum nicht einmal den Roman einer richtigen Powerfrau aus "Hamburch City" vorstellen? Tina Uebel ist so eine. Sie ist nicht nur eine Autorin, die nicht davor zurückschreckt, der Wahrheit auf den schmerzlichen Grund zu gehen, sondern sie ist auch Clubgründerin des "Uebel und Gefährlich". Das ist bei Weitem nicht nur ein Musikclub, sondern hier hat sie mit ihren Kollegen Raum für Konzerte, Lesungen und Vieles mehr geschaffen und prägt so die Kulturszene der Stadt kräftig mit. Auf ihren Roman "Die Wahrheit über Frankie" bin ich eher zufällig gestoßen, aber dafür hat die Lektüre mich dann nicht so schnell wieder losgelassen.



Die Wahrheit ist oft viel extremer als alles, was man sich auszudenken vermag

Dieser Satz wurde nicht nur bereits von erfahrenen Ermittlern vielfach wiederholt, er ist auch schon in sehr viele Kriminalromane eingeflossen. Selten passte er jedoch auf einen Roman so gut wie zu Tina Uebels "Wahrheit über Frankie". Denn hier bildet tatsächlich ein realer Kriminalfall die Grundlage; ein Fall, den man kaum glauben kann, wenn man zum ersten Mal davon hört. Er trug sich in den 1980er Jahren in England zu. Das Land lebte in ständiger Bedrohung durch die irische Terrororganisation IRA. Drei befreundete Studenten lernen zufällig in einer Kneipe den Barmann Robert kennen. Er erwirbt ihr Vertrauen und schafft es, sie davon zu überzeugen, dass er beim britischen Geheimdienst in der Terrorbekämpfung arbeitet. Er freundet sich mit dem jungen Mann an und beginnt eine Beziehung mit einem der beiden Mädchen. Dann gesteht er ihnen, dass sie aufgeflogen seien und fliehen müssten.

Es beginnt eine Odyssee, die über zehn Jahre geht. Die drei Studenten brechen in dieser Zeit den Kontakt zu ihren Familien ab. Sie melden sich nur noch, um Geld für ihre Flucht zu organisieren. Sie werden ständig von Robert umlogiert und lernen so auch andere "Geheimdienstler" kennen. Die Eltern von einer dieser "Mitarbeiter" bestehen schließlich auf eine persönliche Geldübergabe. So wird Robert nach 10 Jahren von der Polizei gefasst. Er ist natürlich kein Geheimdienstmitarbeiter. Die Reaktion einiger seiner Opfer ist allerdings gut vorbereitet "Er hat gesagt, dass Sie versuchen würden, uns das glauben zu machen". Jedes der Opfer hätte zu jeder Zeit gehen können, doch sie sind alle bei Robert geblieben, haben für ihn gearbeitet, gehungert und ihm sogar Kinder geboren.

Eine Transposition in das heutige Hamburg

Tina Uebel wechselt das Setting der Geschichte und tauscht munter die Charaktere aus. Christopher, der als erster Kontakt zu Frankie bekommt, ist ein etwas gelangweilter und verweichlichter Student aus Hamburg. Mit Frankie zusammen zu sein, ist für ihn wie in einen James Bond Film eintauchen. Seine Freundin Judith ist ehrgeizig, selbstbewusst und etwas herrisch. Sie mag Frankie nicht besonders und duldet ihn eigentlich nur Christophers wegen. Emma ist sowohl Frankies Freundin als auch Sandkastengefährtin Judiths. Sie ist verschlossen und leidet unter einer Essstörung.

Die Handlung des Romans setzt weit nach Frankies Festnahme ein als eine Journalistin die Drei befragt, um die Wahrheit über Frankie herauszufinden. Abwechselnd erzählt jeder seine Version der Ereignisse. Zumindest Christopher und Judith scheinen zu wissen, wie absurd ihre Situation für Außenstehende wirken muss. Unterschwellig verteidigen sich die beiden immer gegen die sich unaufhaltsam aufdrängende Frage, wie in aller Welt sie Frankie bloß haben glauben können. Emma hingegen ist sich sicher, dass alle sie umgebenden Menschen genau die Gegner sind, vor denen Frankie sie gewarnt hat. Sie lebt weiterhin in der für sie entworfenen Fantasiewelt, in der sie für eine 'Sache' kämpft, von der sie noch nicht einmal weiß, wie sie genau aussieht.

Die Wahrheit über Frankie ist, dass er jedem passieren kann

Tina Uebels Aussage ist ziemlich eindeutig. Ob Robert oder Frankie, England oder Hamburg, ein Verbrechen wie die Entführung und Ausbeutung der drei Studenten kann jederzeit und überall passieren. Denn auch heute gibt es die schwelende Terrorgefahr und die Überraschung, dass Terror oft da passiert, wo man ihn nicht vermutet hätte. In einem Studentenwohnheim in Harburg oder mitten in der Juppie-Gegend Ottensen. Wer geschickt ist und weiß, wie er Ängste und elementare Charakterzüge von Menschen ausnutzen und manipulieren kann, kann sich jederzeit unendlich viel Macht über sie vesrchaffen.

Uebels Frankie ist eine hochmanipulative Gurupersönlichkeit, die ebenso viel Angst wie Charisma verbreitet. Alle drei Studenten werden ihm hörig, wollen ihm gefallen und für seine 'Sache' arbeiten. Sie erleiden Einsamkeit, Hunger und Demütigungen. Frankie unterzieht sie ständig irgendwelchen "Prüfungen", lässt sie tagelang Schlafentzug bei sich selbst betreiben oder schickt sie für irgendwelche fingierten Aufträge bei Wind und Wetter hinaus, um sie nach Stunden des Wartens wieder abzuholen. Er schafft es, sie gegeneinander aufzubringen. Wie in einer Sekte ohne Glauben opfern die drei jungen Erwachsenen ihr Leben für rein gar nichts.

Verstörend aber gut

Der Roman "Die Wahrheit über Frankie" liefert keine Erklärungen. Er lüftet nicht, wie ein solcher Fall passieren konnte. Stattdessen zeigt die Autorin nur, dass es passieren kann, zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit den unterschiedlichsten Charakteren. Sie lässt ihre Figuren mal eindringlich, mal wütend erzählen und manchmal zeigt sie sie sogar ganz in ihrem eigenen von Frankie geleiteten Universum. Diese Mischung aus Nähe und Ferne, Erklärungswille und Unfähigkeit zu verstehen ist es, die einem als Leser so nahe geht. Man würde so gerne bis ins letzte Detail erkennen, warum eine so starke Manipulation möglich ist. Man beginnt, tausend Fragen zu stellen. Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Weder im Roman, noch in den Berichten zum Fall Robert. Und genau diese unbefriedigten Fragen sind es, die den langen Nachhall des Romans "Die Wahrheit über Frankie" bilden. Sie beschäftigen einen als Leser noch lange nachdem das Buch wieder zugeklappt ist. Damit ist Tina Uebel ein Roman mit großer Wirkungsmacht gelungen. Sie hat es geschafft, das Wesen des Menschen selbst zu hinterfragen und damit genau das erreicht, was alle Literatur erreichen sollte.

Uebel, Tina: Die Wahrheit über Frankie. CH Beck 2009. ISBN: 978-3-406-59073-3. 19,90€.

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