Belletristik-Rezension: Karl Schmidt geht auf "Magical Mystery" Tour und zeigt, dass nach 'voll drauf' immernoch 'kontaktstoned' bleibt

Wir erinnern uns alle noch an Frank Lehmanns besten Freund und Beschützer Karl Schmidt. Immer darauf bedacht, den kleinen Bruder seines Schulfreundes aus dem Schlamassel zu holen, zog er mit Herrn Lehmann durch das Berlin vor der Wende. Dann plötzlich der Absturz. Karl verfällt in eine Psychose. Ausgelöst oder verursacht durch exzessiven Drogenkonsum. Unvergesslich die Szene, in der der hühnenhaft wirkende Karl alias Detlef Buck in der Verfilmung Herrn Lehmann alias Christian Ulmen fast um den Verstand bringt,  weil er nicht mehr schlafen kann. Jetzt ist der Fels in der Brandung zurück. Naja, jedenfalls lebt er in einer Drogen-WG in Ottensen und arbeitet als Hausmeister in einer Schule in Blankenese. Sven Regener geht mit seinem neuesten Roman den Weg der post-Popliteratur und zeigt, was bleibt, wenn man nicht mehr 'voll drauf' sein darf und sich den Spaß doch nicht verbieten muss.

Karl Schmidt is back

Und doch bekommen wir zunächst nur einen Blick auf einen Schatten gewährt. Der frühere berliner Shootingstar der abstrakten Objektkunst lebt jetzt im 'Clean Cut' einer WG für ehemals Suchtkranke. Der Sozialarbeiter Werner kümmert sich mit Leib und Seele um seine Schützlinge, die ihrerseits liebevoll verheimlichen, dass sie die Zeit mit Werners Exfrau Gudrun in dessen Urlaubszeiten weit mehr genießen. Arbeit hat Karl als Hilfshausmeister in einer Kindereinrichtung gefunden, die zu allem Überfluss von einer alten Freundin seiner Mutter geleitet wird, die auch noch Psychologin ist. Wenn Karl dieser Tage mal so richtig über die Stränge schlagen möchte, gönnt er sich einen Eisbecher mit Sahne. Bei einem solchen trifft er dann auch auf einen alten Kollegen aus Berlin und das Schicksal nimmt seinen Lauf. 

Habe ich erwähnt, dass wir uns in den 1990er Jahren befinden; dem wohl dunkelsten Jahrzehnt der Kulturgeschichte überhaupt? Nun, so ist es und das erklärt, dass Karls alter Kollege Chef eines wahnsinnig gut laufenden Tekkno- oder auch Techno(dann aber auch so aussprechen!)labels ist, dass mit "Hallo Hillu" seinen größten Hit hatte und heute mit den HostiBros Kiddie-Hop macht. Aus lauter Langeweile planen sie eine Tour durch ganz Deutschland (inkl. einer weit unterschätzten Dorf-Disko) und nennen sie Magical Mystery. Was die Beatles schon einmal verbockt haben, kann schließlich nur gelingen. Karl ist für sie der ideale Fahrer, da er ja immer nüchtern bleiben muss. Mit einem imaginären Werner im Ohr und dem Handyknochen seines neuen Bosses in der Hand, blickt Karl seinem Weg zurück ins Leben entgegen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass kontaktstoned zu sein fast ebenso gut ist, wie high sein und dass die innere Dunkelheit immer auf einen lauert, ob man sich nun bei Clean Cut 1 versteckt oder nicht.

Karl Schmidt is back and so is Sven Regener

Ich liebe die Bücher von Sven Regener.  Der lakonische Stil bewegt sich so nah an dem, was im Alltag passiert, dass es fast schon unheimlich wäre, wenn es nicht so witzig wär. Er ist ein Meister realistischer Dialoge, die nur dann absurd wirken, wenn man nicht an ihnen Teil hat.  Dennoch waren seine letzten Veröffentlichungen nicht die besten. Über Frank Lehmann war irgendwann alles gesagt und spätestens in "Kleiner Bruder" war der Protagonist verbraucht. Dann kam mit "Meine Jahre mit Hamburg Heiner" ein Blog-Buch, dass das Prädikat 'ganz nett' nicht wirklich abschütteln konnte. Mit "Magical Mystery" ist er aber wieder auf der Höhe seines Schaffens. Die Beobachtungen sind scharf, liegen aber nicht so schwer, dass man sie als Milieustudien bezeichnen könnte. Der Tonfall ist schnodderig und voll von dem, was man in Karls Heimat Hamburg als 'Schnack' bezeichnen würde. Einfach herrlich!

Außerdem beantwortet Regener die lange nicht ausgesprochene Frage, was eigentlich nach Pop kommt, was mit Protagonisten passiert, die nicht mehr Anfang 20 und jeden Tag 'breit' sind bzw. sein können. Mit Karl holt er einen von ihnen vom Abstellgleis und macht damit nicht nur ihn, sondern auch seine Leser völlig kontaktstoned. Trotzdem ist dieser Roman eben nicht immer wie eine große Party, er schlägt auch dunkle Töne an und vergisst nicht, die Kehrseiten der Oberflächen zu zeigen - die Einsamkeit,  unbegründete Trauer und Depression und natürlich das dadurch bedingte Scheitern eigener Lebensträume. Das ist Popliteratur at it's best und irgendwie auch mehr als das. Vielleicht ist Magical Mystery der Beginn einer post-Pop Ära. Das wird sich zeigen. So lange ist weiter Mystery angesagt.

P.S. Und wenn du wissen willst, wie es dazu kommen konnte, dass ich in einer einzigen Rezension mehrmals das Wort 'kontaktstoned' einbringen musste (sodass sogar meine Autokorrektur es jetzt kennt), musst du das Buch halt lesen!

Sven Regener: Magical Mystery. Galiani 2013. ISBN 978-3869710730. 22,99€

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